Antifragilität: Warum wir den Glauben an stabile Umgebungen aufgeben müssen

Ob Märkte oder Technologien, unsere heutige Welt ist geprägt von immer schnelleren Veränderungen. Die große Frage lautet, wie tritt man ihnen am besten entgegen? Der folgende Artikel geht auf die Theorie der Antifragilität von Nassim Nicolas Taleb aus dem Jahr 2012 ein: Antifragile Systeme sind resistent gegenüber Misserfolgen und Störungen – mehr noch, sie profitieren von ihnen. Doch wie erreichen wir diesen Zustand? Agile Methoden helfen dabei.

Die Umgebung, in der wir arbeiten, ist unvorhersehbar und stark volatil. Gerade die Technologien, die Grundlage unseres Arbeitens sind, unterliegen ständiger Entwicklung und Veränderung; ebenso die Märkte, die immer neue Anforderungen an Unternehmen diktieren. Dennoch herrschen innerhalb derselben Unternehmen Strukturen vor, die kaum flexibel auf Veränderungen reagieren können. Diese Strukturen sind fragil: Sie sind derart starr, dass sie ein stabiles Umfeld benötigen, um ihren Zweck zu erfüllen. Kommt es dagegen zu Störungen, drohen immense Verluste. Das Gegenteil dieser Fragilität ist allerdings nicht das unbeschadete Überstehen von Störungen, sondern die Fähigkeit, Nutzen aus ihnen zu ziehen. Antifragile Systeme sind nicht nur resistent gegenüber unerwarteten Zwischenfällen. Sie sind in der Lage, von ihnen zu profitieren.

 Belastung stärkt das System

Auch in der Softwareentwicklung können sich die spezifischen Anforderungen an eine Anwendung jederzeit ändern. Valide Prognosen von Anforderungsänderungen sind nicht möglich. Antifragilität bedeutet daher nicht, diese Veränderungen vorherzusehen, sondern in der Lage zu sein, angemessen auf sie zu reagieren – und zwar an jedem Punkt innerhalb eines Prozesses. Die Simulation von Störungen und der dadurch entstehende kontinuierliche Zwang zu Veränderung und Vereinfachung tragen entscheidend dazu bei. Analog zum Muskelaufbau führt die Belastung des Systems zu dessen Stärkung und versetzt es so wiederum in die Lage, größeren Belastungen zu widerstehen. Dieses Prinzip sorgt dafür, dass antifragile Systeme von einer volatilen Umgebung profitieren, anstatt wie fragile Systeme durch sie Schaden zu nehmen: Die negativen Auswirkungen von Misserfolgen oder Störungen werden durch Anpassungsfähigkeit und dynamische Reaktion systematisch reduziert, während potenzielle Gewinne durch positive Ereignisse weiterhin unbegrenzt sind. Das allerdings setzt ein kontinuierliches Lernen und Entwickeln ebenso voraus wie die Bereitschaft zu Veränderung. Denn jede Anpassung macht das System weniger anfällig für weitere Veränderungen.


Agile Methoden reduzieren Fragilität

Antifragile Systeme lernen demnach aus Veränderungen: Reaktionsgeschwindigkeiten werden verbessert, die Fehleranfälligkeit reduziert und Prozesse und Strukturen mit jeder Anpassung weiter optimiert. Die Erfolge dieses Lernprozesses schützen nicht nur vor den negativen Auswirkungen weiterer Veränderungen. Auch die regulären Arbeitsabläufe profitieren von einer kontinuierlich steigenden Anpassungsfähigkeit. Starre Systeme mit einer Vielzahl von internen Abhängigkeiten sind jedoch nicht in der Lage, diesen permanenten Veränderungsprozess abzubilden. Es braucht agile Methoden wie Scrum und Kanban, um Abhängigkeiten aufzulösen, Fragilität zu reduzieren und allmählich einen antifragilen Zustand zu erreichen. Bei Bedarf müssen lange eingeübte Denkmuster verlassen und gelernte Standards abgelegt werden, um auf jede potenzielle Herausforderung – sei es ein Rückschlag in der Entwicklung, eine grundlegende Änderung im Anforderungsprofil oder ein simpler Systemausfall – flexibel und angemessen reagieren zu können. 

Die Widerstandsfähigkeit eines Systems oder auch eines Teams gegenüber möglichen Zwischenfällen steigt dabei mit seiner Agilität: Je agiler das Team, desto umfassender seine Reaktionsmöglichkeiten. Dabei reicht es allerdings nicht aus, wenn die Agilität auf einzelne Abteilungen wie die IT beschränkt bleibt. Starre Unternehmensstrukturen erlauben in zuvor definierten Bereichen zwar womöglich das Arbeiten nach agilen Methoden, verhindern durch die eigene Anpassungsunfähigkeit, lange Entscheidungswege und komplexe Hierarchien aber die grundlegende Transformation hin zu einem agilen Mindset und somit die Entwicklung echter antifragiler Strukturen. Denn wer Antifragilität herstellen und damit nicht nur auf den Normalfall, sondern auf Ausnahmefälle und Extreme vorbereitet sein und von ihnen profitieren will, muss ebenso bereit sein, in Extremen zu arbeiten und zu denken, und diese Bereitschaft in seinem gesamten Handeln verankern.

Ein Problem, das von einem Einzelnen nicht gelöst werden kann, lässt sich in der Softwareentwicklung vielleicht durch gezieltes Mob Programming meistern – doch das wiederum setzt eine offene, flexible Unternehmensorganisation voraus, die bereits bei der Auswahl der geeigneten Teammitglieder und deren Fähigkeiten beginnt. Der Gedanke dabei ist einfach: Um auf jede erdenkliche Herausforderung reagieren zu können, muss uns jedes erdenkliche Werkzeug zur Lösung zur Verfügung stehen, von traditioneller über testgetriebene Entwicklung bis hin zu Formen des Extreme Programming.

Gerade in der Softwareentwicklung sind Anpassungsfähigkeit und Agilität des Teams und damit auch die Veränderungsbereitschaft und die Diversität der Fähigkeiten jedes Einzelnen die grundlegenden Faktoren, wenn es darum geht, die Widerstandsfähigkeit des Systems gegenüber Schocks und Störungen sicherzustellen. Im Idealzustand – und nichts anderes ist Antifragilität – ist diese Widerstandsfähigkeit schließlich unabhängig davon, wie genau dieser Schock ausfällt, weil jeder Schock das System weiter stärkt. Bis dahin allerdings ist es ein weiter Weg, auf dem wir starre Strukturen auflösen, Abhängigkeiten reduzieren und gelernte Denkmuster verlassen müssen. Am Ende steht ein Prozess, in dem jeder Einzelne ständig bereit ist, zu lernen und sich zu entwickeln, und der nur so in der Lage ist, schnell und effektiv auf neue Herausforderungen zu reagieren.

Über Peter Lie

Peter Lie ist internationaler Agile Coach und Trainer bei Cegeka. Seit 2007 unterstützt er Kunden bei der Einführung undUmsetzung von agilen Arbeitsweisen. Er ist zertifizierter Professional Scrum Master und Professional Scrum Product Owner und verfügt über langjährige, praktische Erfahrungen in Scrum, Kanban, Kaizen sowie Visual Facilitation.

Vortrag „What makes you being fragile“ von Jan de Baere und Peter Lie auf der Tools4AgileTeams 2016 in Wiesbaden.

https://www.youtube.com/watch?v=yUdao54xHqY